Kehrdienst statt Straflager

Warum nimmt der Silvenar seinen Zögling immer noch in Schutz?


Regeln sind für die anderen: Als Protégé des Silvenar wird man bestenfalls zum Kehren auf den Hof geschickt.

Die Gerüchte verhärten sich – für die Bauern auf Kronos ist es längst schon eine Gewißheit, daß Minias der ominöse Sittenstrolch sein soll, der die kronatischen Wälder unsicher macht. Umso größer ist die Verwunderung über die unglaubliche Untätigkeit der Bruderschaft: Während gewöhnliche Ministranten bereits bei einem Verdacht auf die lange Reise ins aleturische Caserta geschickt werden, ist Minias bislang nur dazu verdonnert worden, den Hof der Großen Bibliothek zu kehren.

Was Minias tut ist keine Strafe, betont Innenminister Apollinaris. Jeder Kurator ist dazu angehalten, von Zeit zu Zeit auch einfache Dienste für die Bruderschaft zu verrichten, um den Novizen zu zeigen, daß wir alle gleichwertige Brüder der Bruderschaft sind. Mit dem Fall Sittenstrolch hat das nicht das geringste zu tun, so heißt es auch aus dem Kursorenkonvent; es sei vielmehr eine freiwillige Geste der Demut als Teil der Kursorenausbildung. Dies ist freilich eine eher kuriose Aussage: Die Reinigung des Innenhofes der Bibliothek ist eine streng ritualisierte Aufgabe, die Bruder Pyrus als Wächter des Großen Birnbaums bislang nur persönlich wahrnehmen durfte. Wieso soll dies nun plötzlich Teil der Kursorenausbildung sein?

Auch sonst sprechen zuviele Indizien gegen Minias. Zu den fraglichen Zeiten war er stets am richtigen Ort. Seine Position als Leiter des Kursorenkonvents prädestinieren ihn geradezu, viel, vielleicht sogar zuviel Zeit mit den Ministranten zu verbringen, deren Ausbildung ihm anvertraut ist. Und gerade aus der Riege der Ministranten kommen viele Klagen; aus Furcht vor möglichen Strafen hatte jedoch noch keiner den Mut, sich namentlich zu melden. Daß Minias zudem der Zögling von keinem Geringeren als ausgerechnet dem Silvenar höchstselbst ist und dementsprechend praktisch völlige Immunität genießt wirft kein gutes Licht auf ihn. Die Bruderschaft betont stets, daß Miobaas’ Wort keine Gesetzeskraft habe – seinen seltenen Wünschen wird jedoch so gut wie immer stattgegeben. Und er hat sich bereits mehrfach für seinen Schüler eingesetzt. Wieso sollte er dies tun und wieso sollte ausgerechnet er sich in die Ermittlungen zum Sittenstrolch einmischen, um Minias zu schützen, wenn es keinen Grund dafür gäbe?

Es gibt zuviele ungeklärte Fragen um diesen mysteriösen Fall. Wird Miobaas seinen Schützling endlich zur Verantwortung ziehen oder werden seine Taten ein weiteres Mal verschwiegen und unter den Teppich gekehrt? Auch die übliche Aggressivität des Innenministeriums ist hier nicht hilfreich – Apollinaris kann schließlich nicht eine ganze Insel nach Aleturo verschicken. Für die Bruderschaft ist dies eine Zerreißprobe – kann sie diese Krise meistern oder wird sie wie ihre einstigen Nachbarn an ihren Skandalen zugrunde gehen? 

[1.2 Kuratorium zur Wahrung der öffentlichen Sittlichkeit] [Markstadt Gurk]
Bruder Simon
1.2 Kuratorium zur Wahrung der öffentlichen Sittlichkeit