Forscher der Erkenntnis entwickeln Beschreibmaterial aus Birnenresten


Die Herstellung von Papyrus ist eine Geduldsarbeit, die sich am besten in stiller Meditation verrichten läßt.

Die Stimmung an der Pyrischen Universität in Trahasfhahlö ist ausgelassen feierlich; es wird gesungen, getanzt und einfach ausgelassen Freude zelebriert. Nach Jahren der wenig zielgerichteten Forschung können die hier beschäftigten Gelehrten endlich ein erstes Ergebnis präsentieren – aber dafür eines, das es in sich hat. Bruder Adrian und seinen Assistenten ist nämlich nichts geringeres geglückt als die Revolution der Bürokratie, indem es ihnen gelungen ist, aus Birnenresten einen preisgünstigen, langlebigen und vor allem in Massen verfügbaren Beschreibstoff zu gewinnen.

Bereits seit längerer Zeit forscht die Pyrische Universität an Ersatzmaterialien für das viel zu knappe Pergament. Ein Verwaltungsapparat von der Größe, wie er sich bei einer so weitverzweigten und unübersichtlichen Organisation wie der Bruderschaft zwangläufig zusammenfindet, benötigt große Mengen an Pergament für die unzählichen Schriftstücke, die hier tagein, tagaus angefertigt und wieder kassiert werden. Die Situation hat sich insbesondere seit der Hierarchiereform im letzten Jahr dermaßen zugespitzt, daß die Brüder in den Kuratorien zuletzt angehalten waren, in anderer Farbe zwischen den Zeilen bereits ausgestellter Schriftstücke zu schreiben, um so kostbares Pergament zu sparen. Wichtige Verwaltungsreformen wurden bereits vorübergehend eingefroren, weil schlichtweg nicht genug Pergament für die damit einhergehenden Akten und Dokumente vorhanden war.

Das alles wird sich jetzt ändern, und das alles dank einer ebenso einfachen wie revolutionären Idee. Seit die Bruderschaft die zahlreichen bei der Bewirtschaftung der offiziellen Birnbäume anfallenden Birnen nicht mehr einfach als Fallobst liegenläßt, sondern zu hochwertigem Birnensaft verarbeitet, fallen große Mengen an Preßrückständen an, die als Abfall entweder gleich entsorgt oder an nahegelegene Bauernhöfe als Schweinefutter abgegeben werden. Durch einen Zufall ist es der Forschergruppe um Bruder Adrian jedoch gelungen, diese bislang wertlosen Abfälle so aufzubereiten, daß sie sich zu stabilen und vor allem beschreibbaren Blättern austreiben lassen.

Das Ergebnis kam eigentlich für alle Beteiligten überraschend: Unser ursprüngliches Ziel war es eigentlich, einen Beschreibstoff aus den Holzabfällen der Werften zu entwickeln, erklärt Bruder Adrian, wir wollten nämlich versuchen, ob es möglich ist, Holztäfelchen auch aus Holzresten zu gewinnen und nicht nur aus ganzen Baumstämmen. Vor Inbetriebnahme der Holzindustrie für die Bruderschaft war es mancherorts üblich, kleine Holztäfelchen aus hauchdünn geschnittenen Holzscheiben anstatt Pergament zu verwenden, allerdings wurde diese Praxis verboten, seitdem sämtliches Holz für den Schiffsbau requiriert wurde. Aus den Holzschnitzeln haben wir keine Tafeln zusammensetzen können, dafür halten die Fasern viel zu schlecht zusammen, so Bruder Adrian weiter. Als wir jedoch versuchten, die Holzreste mit einer Maische aus Birnensaft und Birnenresten aufzukochen, um die Fasern zu stärken, ist uns aufgefallen, daß die Birnenreste mit dem in den Holzresten enthaltenen Holzgeist reagieren und eine stabile, faserartige Struktur ausbildeten. Das so gewonnene Material war zwar bereits beschreibbar, allerdings immer noch vom teuren (und verbotenen) Rohstoff Holz abhängig, weswegen die Brüder mit weiteren Spirituosen experimentiert haben. Schlußendlich haben wir herausgefunden, daß eine Mischung aus Getreidebrand und Gülle das optimale Resultat erzielt, strahlt Adrian, und ab da ging alles ganz von selbst. Auch ein Name für das Material ward schnell gefunden: Papyrus, nach dem Hauptbestandteil, der kronatischen Wildbirne (Pyrus silvestris var. saturnica).

Ein erster Test, der unter Federführung des STRUKT in einigen ausgewählten Kuratorien durchgeführt wurde, bestätigte auch die bürokratische Verwendbarkeit des neuen Materials. Die Tintenaufnahme ist geradezu ideal, schwärmt Bruder Linus vom Handelskuratorium, auch problematische Tinten, die auf Pergament immer verlaufen sind, ziehen schnell und ohne Zuhilfenahme von Löschsand schnell ein – meine Brüder sind mit Papyrus im Durchschnitt bis zu dreimal so schnell als mit konventionellem Pergament. Auch Innenminister Apollinaris II, der es sich nicht nehmen ließ, den Birnen-Pergament höchstselbst zu testen, lobte den Stoff in höchsten Tönen und hat nun offiziell beschlossen, ihn für die Verwaltung innerhalb der Bruderschaft verbindlich einzuführen. In den ersten Monaten werden wir langsam von Pergament auf Papyrus umsteigen, so der Minister, bis die Herstellung ins Laufen kommt. Zu diesem Zweck wurde bereits ein Subkuratorium im Kuratorium für Infrastrukturen eingerichtet, dessen Leitung Bruder Adrian übernehmen wird. Der Infrastrukturkurator wird bis dahin die Aufgabe übernehmen, in jeder Landschaft geeignete Papyrus-Manufakturen und die zugehörigen Infrastrukturen aufzubauen, damit die Umstellung der Verwaltung möglichst schnell abgewickelt werden kann. Auch kündigte der Minister an, daß die bislang eingefrorenen Reformen nun endlich umgesetzt werden würden. Es wird endlich Zeit, daß wir diese längst überfälligen Verwaltungsvorgänge endlich in Betrieb nehmen können; wir verschwenden viel zu viel Zeit mit den alten Abläufen.

Die Bauern indes sehen die Entwicklung uneinheitlich. Während sich vor allem die Viehbauern über den zu erwartenden Absatzeinbruch beklagen, wurden in den fruchtbaren Ebenen in der Umgebung der Universität zahlreiche neue Birnenpflanzungen beobachtet. Ein Bauer aus Aleemi faßt es treffend zusammen: Dem Papyrus gehört die Zukunft, und da will ich dabei sein.  

[4.1.2 Subkuratorium für Papyrusherstellung] [Gemarkung von Trahasfhahlö]
Bruder Adrian
4.1.2 Subkuratorium für Papyrusherstellung