Abschied von Bruder Markus


Die Hektik des Ickelundischen Hafenbetriebs ist in Grur völlig fremd. Nur die Einheimischen kennen dieses idyllische Fleckchen Erde.

Es ist ungewohnt still am ansonsten so lauten Hafen von Ickelund. Der Schiffahrtsbetrieb ruht und selbst die Natur scheint innezuhalten. Es ist windstill, und selbst das gewohnte Plätschern der Wellen, die sich an der Hafenmauer brechen, klingt gedämpft und verhalten. Einzig der strahlende Sonnenschein will nicht so recht zum traurigen Anlaß passen, dessenthalben sich eine kleine Delegation der Bruderschaft am Anleger eingefunden hat. Kein Wort wird gesprochen, denn dies ist nicht die Zeit für Worte, es ist bereits alles gesagt worden. Ein letzter Händedruck, ein Nicken, dann erklimmt Bruder Markus die Zugangsbrücke zur Therilddelgarris—dem Schiff, das ihn nach Nowaja Semlja bringen wird. Mit einer lautlosen Geste gibt Kapitän Del Mar seinen Matrosen das Kommando zum Ablegen.

Mit der Abreise von Bruder Markus geht eine Ära zu Ende. Es ist zum Großteil seiner Arbeit zu verdanken, die Gesellschaftsordnung der Bruderschaft dorthin zu bringen, wo sie heute ist—und doch oder vielleicht gerade deshalb war seine wahre Größe meist nur im Verborgenen sichtbar. Sein Kuratorium zur Wahrung der öffentlichen Sittlichkeit hat Atlantis geprägt wie kein anderes und vor allem für seine Mitstreiter fällt dieser Abschied besonders schwer.

Wie praktisch alle Brüder der Erkenntnis so stammt auch Bruder Markus aus einfachsten Verhältnissen. Aufgewachsen im fernen Grur an der Westküste von Kronos verbrachte er seine Jugend wohlbehütet und fernab der politischen Probleme seines Heimatlandes. Wie viele seiner Landsmänner hat auch Markus nie seinen sonnigen Charakter verloren; sein Charisma hat ihn im Leben oft weitergebracht.

Der Untergang des Freien Volkes von Ancaria erreichte jedoch schließlich auch den Küstenstreifen von Grur, der bislang weitgehend sich selbst überlassen war. Grur blieb zwar von Plünderungen durch die Revolutionären verschont, da es seit jeher kaum nennenswerte Reichtümer besaß, aber trotzdem hielt nun die Politik Einzug in das kleine Städtchen, das die Hauptstadt eines neuen Reiches werden sollte. Dies war jedoch nur von kurzer Dauer: Grur war schlichtweg zu langweilig, um über längere Zeit bedeutungsvoll zu bleiben. Wer in Grur einen Einheimischen nach Sehenswürdigkeiten fragt, kriegt meist die selbe Antwort: Wohin man auch blickt, nichts als Gegend.

Dieses Intermezzo ging an Markus praktisch spurlos vorüber, aber trotzdem blieb ein gewisses Verlangen, das er sich lange nicht erklären konnte. Zusammen mit den Revolutionären kamen auch die Kursoren der Bruderschaft nach Grur, was ihnen bislang verwehrt war, und mit den Kursoren die Lehre der Erkenntnis. Anfänglich blieb Markus skeptisch: Nur ungern wollte er seine Ausbildung, sein Weltbild überwerfen. Doch schließlich erkannte er, daß es ihn immer stärker ans andere Ufer zog, und er wollte einmal selbst die Bruderschaft erleben, Géfesvon und die Große Bibliothek, und die ganze freie Welt der Erkenntnis.

Markus schloß sich den reisenden Kursoren an, denen er durch kleinere Handreichungen und andere Dienstleistungen auf ihrer Reise eine willkommene Abwechslung war, und erreichte schließlich Géfesvon: die prächtige Bibliotheksstadt, die er bislang nur aus Erzählungen kannte. Hier, das wußte er, würde er bleiben, hier war er zu Hause. Durch seine Arbeit mit den Kursoren hatte er sich bereits einen gewissen Ruf erarbeitet, wodurch es ihm ein Leichtes war, sich in die Hierarchie der Bruderschaft einzugliedern. So gelangte er schließlich zur Kongregation zur Kontrolle der öffentlichen Informationsflüsse. Sein großes Wissen über die Kultur Westkronos’ und über die Denkweise des ancarianischen Volkes erwiesen sich als sehr wertvoll für seine Arbeit und es war praktisch vorausbestimmt, daß Markus später sein eigenes Kuratorium leiten würde.

Dieser Moment kam schneller als erwartet, und zwar in der Person von Innenminister Apollinaris, der eine Lösung für den zunehmenden Sittenverfall in Westkronos suchte, das nunmehr unter dem Einfluß der Bruderschaft stand. Die instabile politische Situation hatte die Bevölkerung verrohen lassen; Meldungen von neuen Unruhen und anderen unzivilisierten Verhaltens erreichten fast täglich das Ministerium. Das Kuratorium zur Wahrung der öffentlichen Sittlichkeit wurde noch an diesem Tag gegründet und mit Bruder Markus als dessen Kurator konnte die Ordnung im neugeschaffenen Inselbezirk bald wiederhergestellt werden.

Kurator Markus erwies sich im Laufe seiner Arbeit als äußerst vielseitig; wann immer sich ein neues Problem präsentierte, wußte er stets Rat und war besonders durch seine mitunter unkonventionellen Methoden bekannt. Dennoch führten seine Aktionen praktisch immer zum Erfolg. Auch sein Durchhaltevermögen und seine Zielstrebigkeit waren im Innenministerium sehr geschätzt: Nicht selten traf sich der Kurator mehrmals am Tag mit Bruder Apollinaris, um neue Erkenntnisse auszutauschen. So entwickelte sich im Laufe der Jahre eine enge Freundschaft.

Dennoch sehnte sich Bruder Markus nach neuen Problemen, neuen Herausforderungen; die Arbeit im Kuratorium füllte ihn nicht mehr aus. Die Nachrichten von der Zerstörung von Nowaja Semlja erreichten ihn genau im richtigen Moment und er war sich sicher, daß dies genau jene Art von Abenteuer sein würde, nach der er suchte. So beschloß er, im Namen seines Kuratoriums an der von Minister Achatius ausgerufenen Forschungsexpedition nach Nowaja Semlja teilzunehmen und sein Können dort zum Wohle der Bruderschaft einzusetzen. Sehr zum Mißfallen und gegen den Widerstand des Innenministeriums nahm Achatius letzten Endes Markus’ Teilnahme an.

Langsam und majestätisch sticht das große Schiff in See, und bald gesellen sich auch die Hannibal und die Sectumsempra dazu. Das Zeichen der Erkenntnis hängt schlaff und beinahe traurig am Mast der beiden schwerbewaffneten Bibliotheksschiffe, die in einigem Abstand das prachtvolle Forschungsschiff flankieren.

Zum Abschied sind sie alle gekommen, die wenigen ausgesuchten Mitbrüder, die Bruder Markus in seinem Kuratorium beschäftigt hatte. Es war nur ein kleines Kuratorium geblieben, denn er wollte stets schnell auf ungewohnte Situationen reagieren können. Ein trauriges Grüppchen von Brüdern, die ihrem Freund und Mentor noch ein letztes Wort auf den Weg mitgeben wollen. Ob er wiederkommen würde. Er antwortet nicht; er weiß, daß er es nicht versprechen kann und will trotzdem niemanden enttäuschen.

Einer jedoch fehlt: Bruder Apollinaris ist heute bei Morgengrauen nach Trahasfhahlö abgereist; wegen den Vorbereitungen zur Birnenernte werde er dort dringend benötigt und sei unabkömmlich, so die offizielle Notiz des Ministeriums. Ihn trifft die Abreise von Bruder Markus besonders hart; seit der Ankündigung Bruder Achatius’ haben die beiden kein Wort mehr gewechselt.

Die Therilddelgarris ist nun nur noch ein kleiner Punkt am Horizont; wie lange die Reise nach Nowaja Semlja dauern wird, vermag niemand zu sagen. Die Delegation am Kai zerstreut sich langsam und schon bald wird die gewohnte Hektik wieder von Ickelund Besitz ergreifen. 

[1.2 Kuratorium zur Wahrung der öffentlichen Sittlichkeit] [Markstadt Ickelund]
Bruder Simon
1.2 Kuratorium zur Wahrung der öffentlichen Sittlichkeit