Birnen-Monokulturen werden zunehmend zum Problem


Bittersüße Schönheit: Die Birne bringt gleichermaßen Aufschwung und Untergang
Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Diese jahrhundertealte Erkenntnis bekommt nun auch die Bruderschaft schmerzlich zu spüren, und zwar ausgerechnet an der Erfindung, die von Innenminister Apollinaris II persönlich zum Meilenstein der Erkenntnis ausgerufen worden ist. Die Rede ist, wie kann es anders sein, vom vielgerühmten Papyrus, dem Pergamentersatz aus Birnenresten, den Forscher der Pyrischen Universität erstmals im Februar in Trahasfhahlö hergestellt haben.

Die Entdeckung des Papyrus ist ein wahrer Segen für die Erkenntnis: Erstmals in der Geschichte der Bruderschaft ist eine umfangreiche Reform des Bürokratieapparates möglich, da nunmehr Beschreibmaterial in ausreichender Menge vorhanden ist, um sämtliche notwendigen Verwaltungsaufgaben effizient und vollstöndig durchführen können. Auch die lokale Tierwelt profitiert immens vom neuen Material: Seit es nicht mehr notwendig ist, die Tiere nur des Pergamentes wegen anzubauen, lebt es sich als kronatisches Rind wesentlich entspannter als bisher. Und nicht zuletzt haben auch die Bauern jede Menge Vorteile, insbesondere diejenigen, welche bereits frühzeitig Birnenhaine angepflanzt haben...

Und genau hierin liegt das Problem: War ein Birnbaum bislang meistens ein lästiges Ungehölz, das nur Platz auf der Wiese wegnimmt und bestenfalls als Streuobstlieferant für die heimische Küche zu gebrauchen war (das Schlägern von Birnbäumen ist seit der Nacht des Brennenden Blutes von der Bruderschaft streng reglementiert), erleben die unscheinbaren Gehölze eine regelrechte Revolution: Angefangen von Birnensaft, Tee aus Birnenblättern, dem Papyrus und sogar schon Kaugummi aus Birnenharz gibt es kaum einen Teil des Birnbaumes, der nicht industriell genutzt werden kann. Der enorm gestiegene Nutzwert hat den Wirtschaftskreislauf bereits in Gang gesetzt: Kaum eine halbwegs ebene Fläche, die nicht bereits durch die ansässigen Bauern mit Birnbäumen vollgepflanzt worden ist, kaum eine Gemarkung, in der sich inzwischen kein Birnenhain mehr findet.

Vor allem auf Gemor ist das ein echtes Problem geworden, so Bruder Wolfram von der Gemorianischen Akademie der Wissenschaften in Burnulzen. Auf Kronos ist die Besiedelung durch die Bruderschaft schon seit längerem etabliert, da halten sich Birnenpflanzungen und traditionelle Nutzung in der Waage. Da die Birne dort als Kultfrucht eingeführt wurde, durfte es im Gegenteil nicht zu viele Birnbäume geben, um den religiösen Wert nicht durch Überproduktion zu verdünnen. Hier auf Gemor jedoch ist die Bruderschaft erst seit vergleichsweise kurzer Zeit präsent, außerdem haben die Ureinwohner die teilweise recht fruchtbaren Ebenen praktisch überhaupt nicht bewirtschaftet. Jetzt, wo sich der Anbau von Birnbäumen plötzlich derart lohnt, ist eine gewaltige Nische entstanden, die die aus Kronos eingewanderten Bauern blitzschnell ausfüllen.

In der Tat herrscht auf Gemor eine regelrechte Goldgräberstimmung. Die Ureinwohner haben nach wie vor kein Interesse, die Ebenen zu besiedeln und bleiben in ihren Wüsten. Vor allem die Ureinwohner der Uganasázi haben sich in jahrtausendelanger Geschichte an das Leben in der Wüste angepaßt. Für sie ist eine fruchtbare Ebene inzwischen ebenso lebensfeindlich wie für uns eine Wüste, erklärt Bruder Wolfram dieses scheinbar kuriose Phänomen. Entsprechend sind es vor allem die aus Kronos eingewanderten Bauern, die sich einen regelrechten Wettkampf um die größten Birnenpflanzungen liefern. Dies geht inzwischen soweit, daß ganze Gemarkungen ausschließlich aus regelrechten Birnenplantagen bestehen. Praktisch jeder Baum in Dynekal ist ein Birnbaum – das ist fast ein Zehntel der Insel! berichtet Bruder Kasimir von der Forstverwaltung Gemor. Durch die Infrastrukturprojekte der Bruderschaft ist die Insel inzwischen so gut erschlossen, daß sich fast überall eine industrielle Nutzung der Birne wirtschaftlich lohnt, bestätigt auch Bruder Linus vom Handelskuratorium.


Vom Ärgernis zur Landplage: Die Gemorianische Heuschrecke
Bruder Wolfram beobachtet die plantagenartigen Massenanpflanzungen bereits seit Monaten mit Sorge. Für diesen Zweck hat er gemeinsam mit Bruder Bruder Patrick vom Institut für angewandte Zoologie eine eigene Beobachtungsstation in Quakalaugh-Chraynash im Südwesten von Gemor eingerichtet, in die er uns für diese Reportage eingeladen hat. Monokulturen werden früher oder später immer zum Problem, erklärt der Kurator besorgt. Nehmen wir nur zum Beispiel die Gemeine Gemorianische Heuschrecke: Normalerweise ist diese harmlos, wenn auch lästig, weil sie von den heimischen Vögeln unter Kontrolle gehalten wird. So sind immer genug Heuschrecken da, damit die Vögel nicht verhungern, aber nie zuviele, um Schäden anzurichten.

Nun sind aber gerade Vögel mithin die unbeliebtesten Gäste in einem Birnenhain: Sie fressen die Bienen, die von den Bauern eigens für die Bestäubung in die Wälder eingebracht werden und ohne die es im Herbst keine Früchte gibt, und beschädigen außerdem die Früchte selbst, sobald sie reif genug sind. Auch Vögel sind nämlich Feinschmecker. In der Tat versuchen die Bauern mit allen Mitteln, die verhaßten Vögel aus ihren Birnenplantagen loszuwerden, und haben damit auch Erfolg: Kaum ein Vogel ist in den Chraynischen Birnenwäldern zu hören.

Und hier fängt das Problem an: Ohne die Vögel können sich die Heuschrecken in den jetzt sicheren Gebieten ungestört vermehren. An und für sich wäre dies ja kein allzugroßes Problem, fährt Bruder Patrick fort, allerdings haben wir es hier mir sehr anpassungsfähigen Tieren zu tun. Die Heuschrecken haben offenbar begriffen, daß sie innerhalb der Birnenwälder in Sicherheit sind und nur dann gefressen werden, wenn sie sich aus diesen herauswagen. Nun haben sich zwei Strategien entwickelt: Ein Teil der Heuschrecken hat sich angepaßt und kann sich nun von Birnenblättern ernähren. Diese Gruppe kann sich aufgrund des übermäßigen Nahrungsangebotes stark vermehren, frißt jedoch mittelfristig die Birnbäume kahl. Sobald das eintritt, bilden sich Schwärme, die in die umliegenden ungeschützten Gemarkungen einfallen. Die enorme Zahl von Insekten, die dabei zusammenkommt, kann von den Vögeln nicht mehr bewältigt werden, also haben die Heuschrecken genug Zeit, ganze Landschaften kahlzufressen, bis die Vögel nachziehen und sich ebenfalls entsprechend vermehren.

Dieser Extremfall ist bereits eingetreten: Erst vergangenen Monat haben riesige Heuschreckenschwärme die Gemarkungen von Naïrn und Lýeusk-Lyeenque verwüstet. Während Naïrn in einem natürlichen Feuchtgebiet liegt und sich wieder erholen wird, liegt Lýeusk-Lyeenque im ungünstigen Windschatten des Toxxulia-Massivs und ist bislang nur durch die natürliche Pflanzendecke nicht ausgetrocknet. Diese fehlt nun – und das ausgerechnet in den wichtigen Sommermonaten. Bewässerungsanlagen sind keine vorhanden; bis jetzt war es hier grün genug, also haben wir uns auf die Wüsten im Osten der Insel konzentriert, wo es notwendiger ist, so Bruder Leonhard vom Infrastrukturkuratorium aus unsere entsprechende Anfrage. Das Kuratorium hat zwar bereits ein Notprogramm gestartet, um die bestehenden Bewässerungsleitungen von Gurnigel bis nach Lýeusk-Lyeenque zu verlängern, durch die ungünstige Lage der Gemarkung ist dies jedoch äußerst schwierig. Es wird Monate dauern, bis wir uns durch das Toxxulia-Massiv gekämpft haben, so der Kurator, und das Meerwasser ist viel zu salzig. Er rechnet frühestens in einem Jahr mit dem Anschluß, auch weil die Quellen von Atrake bereits an der Grenze ihrer Kapazität betrieben werden und folglich erst neue Quellen erschlossen werden müssen.

Es ist fraglich, ob die Gemarkung bis dahin überleben wird; auf den neuesten atlantographischen Karten wird Lýeusk-Lyeenque bereits als Wüste geführt, viele der ansässigen Bauern haben ihre Höfe bereits aufgegeben und sind nach Norden gezogen, wo die Zukunft sicherer erscheint. Innenminister Apollinaris II hat unterdessen den Notstand in Lýeusk-Lyeenque ausgerufen und außerdem ein absolutes Anbauverbot von Birnbäumen im gesamten Gebiet der Bruderschaft verhängt. Die Forstbehörden aller Landschaften sind angewiesen, sämtliche Birnen-Monokulturen aufzuheben und durch Einpflanzung anderer Gehölze für eine nachhaltigere Bewirtschaftung zu sorgen. Die betroffenen Gebiete gelten aus diesem Grunde als enteignet und unter direkter Verwaltung der Bruderschaft; eine Entschädigung für die Bauern ist dabei nicht vorgesehen, zumal die Maßnahme aufgrund der Versäumnisse der Bauern selbst notwendig wurde, so der Minister. Neuanpflanzungen von Birnbäumen sind nun genehmigungspflichtig, für Verstöße gegen diese Verordnungen empfindliche Strafen vorgesehen. Auf Aleturo findet sich immer ein Platz für diejenigen, die meinen, sich nicht an meine Richtlinien halten zu müssen, so der Minister trocken.

Das Holz der zu schlägernden Birnbäume ist indes bereits reserviert: Die Werft in Tuffi bereitet sich bereits für den Bau einer Galeere vor. Ob es sich dabei um die Sectumsempra IV handeln wird, wollte der Werftmeister allerdings nicht kommentieren.

[4.4 Kuratorium für nachhaltige Forstwirtschaft] [Gemarkung von Quakalaugh-Chraynash]

Gezeichnet zu Quakalaugh-Chraynash, im Mai des dritten Jahres der Erkenntnis

Bruder Norbert, 4.4 Kuratorium für nachhaltige Forstwirtschaft