Erste Fledermaus wieder aus dem Winterschlaf erwacht


Obwohl noch etwas wackelig auf den Flügeln, wird es langsam Zeit für den ersten Einsatz nach der langen Winterpause.
Nach monatelangen Bemühungen der besten kronatischen Chiropterenzüchter ist nun pünktlich zur Sommersonnenwende die erste Fledermaus der thrakhnyschen Relaisstation wieder aus ihrem Winterschlaf erwacht. Wie bereits mehrfach in den einschlägigen Publikationen der Lokalpresse berichtet wurde, waren sämtliche Fledermäuse auf den Inseln der Bruderschaft auf höchst unerwartete Art und Weise am 21. Dezember des letzten Jahres in einen totenähnlichen Zustand verfallen, wodurch das intrakontinentale Nachrichtensystem der Bruderschaft vollständig zusammengebrochen ist.

Im Nachhinein betrachtet, hat die Epidemie nicht unangekündigt zugeschlagen. Bereits einige Tage vor dem Sonnwendfest häuften sich die Fälle, in denen einzelne Fledermäuse vor allem Langstreckenflüge zu den entfernteren Inseln Maraskan und Ruathym verweigerten und sich stattdessen in die dunkelsten Winkel der Relaisstation zurückzogen. Auch die von mehreren Bauern der Umgebung vorgebrachte Beobachtung, daß die Tiere zum Schluß einen erheblich wohlgenährteren Eindruck machten als üblich, erscheint nun in einem anderen Licht.

Die kronatischen Fledermauszüchter konnten zwischenzeitlich einige Erkenntnisse erarbeiten, über deren Richtigkeit mittlerweile ziemliche Sicherheit besteht, wenngleich viele Einzelheiten wohl noch ungeklärt bleiben müssen. So gilt nun als gesichert, daß es sich bei dem seltsamen Starrezustand, dem die Tiere massenhaft verfallen sind, um ein Phänomen handeln muß, das auf den südlicheren Kontinenten schon lange bekannt und beobachtet wird. In diesen sogenannten Winterschlaf scheinen sich die Fledermäuse bei Einbruch des Winters zurückzuziehen, um sich von den Anstrengungen des vergangenen Sommers zu erholen und die Zeit der Kälte zu überstehen. Auch von anderen Tierarten sei dieses Verhalten bekannt. So berichten Bauern von der fernen Eisinsel Lýesis, daß ihre Hausbären sich im Winter immer in ihre Höhlen im ewigen Eis zurückziehen und nach einigen Monat abgemagert aber erholt wieder hervorkommen würden.

Noch ungeklärt bleibt jedoch die ungewöhnlich lange Dauer dieses Winterschlafs. Gemorianische Siedler gaben an, daß die Fledermäuse in früheren Jahren zwar auch gelegentlich eher zurückgezogener lebten, aber ein Winterschlaf nach Art der beschriebenen lyétischen Eisbären wäre ihnen noch niemals aufgefallen. Einige Züchter gehen inzwischen davon aus, daß die ungewohnte Belastung, die den Tieren durch die Verwendung als Postexpeditoren auferlegt wurde, diese gewissermaßen in die Flucht getrieben hätten. Eine wieder andere Gruppe von Züchtern macht die spezielle Kreuzung zwischen den gemorianischen und den kronatischen Fledermäusen für das seltsame Verhalten verantwortlich. Ich habe es schon damals dem Kurator geschrieben, daß diese Art von Zucht gegen die Natur ist, aber er wollte einfach nicht auf mich hören!, wettert Markus Braunhard, ein Züchter aus Burnulzen auf Gemor. Er selbst behauptet, ausschließlich naturnahe Zuchtpraktiken zu verwenden – inwiefern sich seine Zuchttiere von gewöhnlichen Wildfledermäusen unterscheiden sollen, konnte allerdings noch nicht festgestellt werden.

Das Innenministerium ist inzwischen denkbar unglücklich über den langen Ausfall des Postverkehrs und hat deshalb Umstrukturierungen im Kuratorium für Post- und Teletransportationswesen (PTTK) angeordnet. Wir werden Vorsorge treffen müssen, damit sich ein derartiger Ausfall nicht mehr wiederholen kann, kündigte Innenminister Apollinaris II bei seinem Besuch im Chiropterenrelais in Thrakhnys an. Denkbar sei eine Verteilung der Postflotte auf mehrere unterschiedliche Tierarten, wobei naheliegenderweise vor allem flugfähige Arten betrachtet würden. Wir haben bereits erste Versuche mit Eulen unternommen, berichtet Kurator Telegraph vom PTTK, allerdings sind seitdem einige unserer Fledermäuse abgängig. Derzeit werde noch geprüft, ob hierbei ein Zusammenhang bestehe oder ob es sich um Zufall handle, denn selbstverständlich kann es nicht funktionieren, wenn die Postflotte von der Reserveflotte aufgefressen wird, so der Kurator trocken. Gerüchte, ob auch Harpyien für die Postzustellung in Betracht gezogen werden sollen, wollte der Kurator allerdings nicht kommentieren – übrigens genausowenig wie die hämischen Anfragen einiger Spötter, ob die ganze Winterschlaf-Diskussion nicht etwa nur deshalb erfunden worden sei, damit Innenminister Apollinaris in Ruhe die kronatischen Wälder erwandern könne.

In der Zwischenzeit erwacht die postalische Welt der Erkenntnis langsam aus ihrem Winterschlaf. Wenngleich die paar wenigen Fledermäuse, die schon erwacht sind, noch etwas schwach auf den Flügeln, gehen Bruder Arkturus und seine Mitarbeiter vom Subkuratorium für Fledermauszucht und -ausbildung davon aus, daß der Ferninsel-Postverkehr bald wieder aufgenommen werden kann.

[1.4 Kuratorium für Post und Teletransportationswesen] [Gemarkung von Thrakhnys]

Gezeichnet zu Thrakhnys, im Juni des dritten Jahres der Erkenntnis

Bruder Telegraf, 1.4 Kuratorium für Post und Teletransportationswesen