Verheerende Gurkenseuche sucht Aleturo heim


Einst als Gesundheitsgemüse gepriesen, nun als Todbringer gefürchtet – wird sich der Ruf der aleturischen Gurke jemals von diesem Schlag erholen können?
Chronisten ganzer Kontinente kennen zur Zeit nur ein Thema. Ein Thema, das an und für sich an Banalität nicht zu überbieten ist – wäre die Situation weniger ernst, gar mancher würde einen Streich vermuten. Die Lage ist jedoch zu ernst für Späße, erst recht für die Betroffenen, die im Quarantänelager auf Tsenzier um ihr Leben bangen. Die Rede ist natürlich von der aleturischen Gurktalfrucht, die inoffiziell auch als Gurke bekannt ist. Nachdem Forscher der Aleturischen Universität des Ochsenjochs die jüngsten Krankheitsfälle mit dem Verzehr von gekochten Gurken in einen mutmaßlichen Zusammenhang gebracht haben, breitet sich unter der Bevölkerung der kleinen Insel Besorgnis aus.

Der Anbau von Gurken hat auf Aleturo eine lange Tradition und stellt neben dem Straflager der Erkenntnis in Asinara die einzige wirtschaftliche Aktivität des entlegenen Eilands dar. Die Kulturgeschichte der aleturischen Gurktalfrucht reicht bis zur Erstbesiedelung Aleturos durch nomadische Bauernstämme, die über Llamedos und das Ödland eingewandert sind. Die Insel erwies sich als äußerst fruchtbar, und insbesondere die Gegend rund um das heutige Gurktal bestand praktisch nur aus Gurkenbäumen. Aus dem ursprünglichen Grunzlaut, mit dem die damals noch unbekannte Frucht zunächst bezeichnet wurde, entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte der noch heute bekannte Name der Gurke.

Der hohe wirtschaftliche Stellenwert dieser Nutzpflanze spiegelt sich praktisch überall auf der Insel wieder, und zahlreiche Orts- und Flurnamen lassen sich auf die Gurke zurückführen. Das offensichtlichste Beispiel sind sicherlich die Siedlung Gurk im gleichnamigen Gurktal, das als Zentrum der aleturischen Gurkenproduktion anzusehen ist. Auch auf anderen Inseln haben aleturische Siedler ihre Bewunderung für ihre Lieblingsfrucht verewigt, auch wenn dies mancherorts zu Schwierigkeiten mit den Vertretern des Toponomastikkuratoriums geführt hat. Trotzdem ist die Geschichte der Insel eng mit der Geschichte der Gurke verknüpft.

Umso schlimmer sind nun die jüngsten Krankheitsfälle. Bruder Tòbias von der Aleturischen Universität, der maßgeblich an der Untersuchung der Krankheitsfälle beteiligt war, spricht von einer Katastrophe für die heimische Wirtschaft. Er ist selbst in Ochsenried geboren und aufgewachsen und kann daher die Sorgen der Bauern gut verstehen. Viele der Bauern hier auf Aleturo haben seit Generationen nur Gurken angebaut, haben ihr ganzes Leben nach der Gurke ausgerichtet. Und plötzlich sollen ausgerechnet diese Gurken Schuld an den Krankheiten sein. Auch Bruder Philipp, der im Süden der Insel ein bescheidenes Birnenzuchtprojekt begonnen hat, ist derselben Meinung: Ich hoffe sehr, daß wir falsch liegen. Es kann nicht sein, daß ausgerechnet die Gurktalfrucht so gefährlich ist.


Der Gurkenanbau ist die Lebensgrundlage vieler aleturischer Bauern. Ein Massenexodus könnte die Insel praktisch entvölkern.
Die Suche nach der Ursache läuft indes auf Hochtouren weiter, ein Teil der Gurkenernte wurde von der Universität zur Ursachenforschung requiriert. Die Bauern helfen, wo sie nur können – sie klammern sich an jeden Strohhalm, jedes kleinste Fünkchen Hoffnung, daß es vielleicht doch nicht ihre Gurken waren, die diese Seuche ausgelöst haben. Auch das Handelskuratorium hat sich in die Untersuchung eingeschaltet: Es wird ein Zusammenhang von illegalen Gurkenimporten aus nicht kontrolliertem Anbau vermutet. Viele der betroffenen Bauern haben scheinbar Gurken von einem Wanderhändler gekauft, der im letzten Monat in Caserta und Lavorceno mit Gemüse gehandelt haben soll, so Bruder Lukas, der die Untersuchung vor Ort leitet. In der Tat ist im Schiffahrtsregister von Calmisdelvini die Ankunft und Abfahrt eines Schiffes verzeichnet, das von Brocéliande aus eingeschifft ist. Es liegt also nahe, daß die kontaminierten Gurken nicht heimischen Ursprungs sind, sondern aus dem Ausland stammen, zumal als Ladung ausdrücklich Gurken und anderes Gemüse genannt waren. Auch ein Zusammenhang mit der konkreten Zubereitung kann derzeit nicht ausgeschlossen werden, denn es sei nicht typisch für die aleturische Küche, daß Gurken gekocht verzehrt würden.

Das Handelsschiff ist inzwischen längst wieder abgelegt, der fragliche Händler konnte bislang noch nicht ausfindig gemacht werden. Jedoch wurde es kurz nach der Abfahrt von der Fischereiflotte aufgehalten, die in den Gewässern zwischen Aleturo und Orohai patrouilliert. Laut dem Zollbericht, der dem Handelskuratorium vorliegt, hat der Kapitän des unbekannten Schiffes angegeben, wieder zurück nach Hyarmir fahren zu wollen, was durch ähnliche Berichte der Fischereiflotte von Trippik und Wugan bestätigt werden konnte, die auf diesem Kurs liegen. Ein Abgleich mit den Schiffsregistern der anderen Inseln der Bruderschaft hat inzwischen zweifelsfrei ergeben, daß dieses Schiff in der Tat bei jeder Zollkontrolle Hyarmir als Heimatinsel angegeben hat.

Auf diese Tatsachen angesprochen reagierte die Botschafterin des Imperiums der Schwarzen Sonne unverhältnismäßig ungehalten und kündigte diplomatische Maßnahmen an. Diese ließen in der Tat nicht lange auf sich warten; angeblich soll dem Außenminister noch am selben Tag eine Depesche von Consul Tovus Thsyr persönlich zugegangen sein, in der dieser sich ausdrücklich jede Mutmaßung verbiete, die das Imperium mit den Krankheitsfällen auf Aleturo in Verbindung bringen. Kooperationsanfragen an die Universität Shanyin zur Aufklärung der Herkunft der Seuche wurden ungeöffnet zurückgeschickt.

Wir bedauern die derzeitige Situation sehr, sagte Innenminister Apollinaris II bei seiner Rede in Calmisdelvini, zu der er eigens mit einem Sonderkurier angereist war. Er versprach jedoch, daß die Bruderschaft sämtliche Kräfte mobilisieren werde, um die tatsächliche Ursache zu finden, und sowohl den Ruf der Aleturischen Gurktalfrucht als auch die Beziehungen zum Imperium der Schwarzen Sonne wiederherzustellen. Für die Übergangszeit wurde den betroffenen Bauern finanzielle Unterstützung aus dem Bäuerlichen Wohlstandsfonds zugesichert.

[8.2.2 Subkuratorium für Seuchenprävention]

Gezeichnet zu Gurk, im Juni des dritten Jahres

Bruder Vinzenz II, 8.2.2 Subkuratorium für Seuchenprävention