Damit Buben nicht mehr auf der Strecke bleiben


Unbeschwerte Kindheit – noch muß sich Klein Bernhard keine Sorgen um seine Zukunft machen.

Buben tun sich zunehmend schwer im atlanteanischen Alltag. Was inzwischen fast schon als Binsenweisheit gilt wurde nun erstmals Gegenstand offizieller Untersuchungen vonseiten der Bruderschaft. So befaßte sich das neugegründete Kuratorium für kulturelle Entwicklung letzten Monat in einem Symposium ausschließlich mit der Frage, wie die Zukunftsaussichten des atlanteanischen Nachwuchses verbessert werden können.

Das von Kurator Linus vom Handelskuratorium vorgebrachte Zahlenmaterial machte eines deutlich: Seit der Ankunft der Bruderschaft ist der wirtschaftliche Fortschritt in der ganzen südatlantischen Region überdeutlich sichtbar. Auf praktisch jeder Insel sind neue Bauten und Infrastrukturen entstanden oder sind für die nahe Zukunft geplant. Vor allem in den Seehandel wurde viel investiert, sodaß bereits jetzt zahlreiche Schiffahrtsrouten für Wohlstand bei den anliegenden Insel sorgen. Und spätestens mit dem Abschluß der Annexion des Aleturischen Archipels wird ein weiterer Wirtschaftsschub erwartet, da damit ein Großteil des Atlanteanischen Warengüterverkehrs durch das Einflußgebiet der Bruderschaft verlaufen wird.

Dieser enorme Aufschwung sorgt allenthalben für Wohlstand und Gedeihen. Wie Bruder Santiago vom Kuratorium für Zensus- und Steuerwesen darlegte, ist der Anteil der durch Armut und Hunger verendeten Bauern in den letzten Jahren praktisch auf Null zurückgegangen. Auch der Umstand, daß das Straßennetz seit jeher auch für den zivilen Verkehr genutzt werden darf kommt insbesondere auch abgelegenen Hofstellen zugute, die nun öfter den Warenaustausch mit größeren Siedlungen aufnehmen können. Die von anderen Völkern häufig beobachtete Gefahr, daß durch schlecht geplante Versorgung ein Bevölkerungsnotstand eintritt und eine kostspielige Neubevölkerung notwendig macht, wird dadurch wirksam bekämpft. Dies ist besonders wichtig in den kälteren Regionen wie zum Beispiel auf der Eisinsel Lýesis: Ohne das Straßennetz wäre eine adäquate Versorgung in den Gletscherregionen praktisch unmöglich.

Doch wo Licht ist auch Schatten – und so hat auch der wirtschaftliche Aufschwung in Südatlantis seine Schattenseiten. Der kulturelle Aufstieg entwertet die traditionellen Berufe der Urbevölkerung, bringt es Rektor Mazur der Universitas alearum auf den Punkt. Es ist ein Teufelskreis: Der stetige technische Fortschritt sorgt dafür, daß bisherige Hofstellen teilweise wesentlich effizienter arbeiten können, was wiederum für ein stark erhöhtes Angebot von landwirtschaftlichen Produkten sorgt. Die Nachfrage ist jedoch relativ konstant, da die Bevölkerung im selben Zeitraum nicht nennenswert gewachsen ist, was sich negativ auf die Preise auswirkt. Dies wiederum macht die Landwirtschaft nicht mehr rentabel, also stehen mehr und mehr Hofstellen vor dem Untergang.

Demgegenüber steht ein Mangel an Alternativen. Die strikte Trennung zwischen der bäuerlichen und der bürgerlichen Bevölkerung, die fast überall auf Atlantis vorherrscht, hat dazu geführt, daß sich die bäuerliche Bevölkerung praktisch vollständig auf die Landwirtschaft konzentriert hat. Über die Jahrhunderte hat sich ein starkes Geflecht an Traditionen und Gebräuchen entwickelt, die den Bauern einen kulturellen Rahmen geben und sie in die Struktur des atlanteanischen Lebens fest verankerten. Dieses Gefüge ist nun in Gefahr, berichtet Rektor Mazur. Der Niedergang der traditionellen Landwirtschaft reißt ein Loch in die Lebensstruktur der Urbevölkerung, die praktisch nichts anderes kennt.

Erste Auswirkungen sind bereits jetzt feststellbar: Die Zahl der nicht produktiv beschäftigten Bauern ist in letzter Zeit sprunghaft angestiegen. Besonders hart ist die männliche Bevölkerung betroffen, da die Bewirtschaftung der Felder und Ställe traditionell die Domäne der Männer war, wohingegen deren Gefährtinnen vor allem für die Bewirtschaftung der Heimstatt zuständig ist. Daran ändert sich auch mit der überkommenden Weltordnung nichts, denn auch weiterhin werden die Bauern, die im Einflußgebiet der Bruderschaft ansässig sind, in eigenen Wohnstätten wohnen.

Wohingegen die Bauern selbst mitunter auf andere manuelle Tätigkeiten ausweichen können und in einigen Fällen auch direkt von der Bruderschaft beschäftigt werden, haben die Söhne der Bauern praktisch keine Perspektive mehr. Gemäß den Traditionen werden sie weiterhin in traditioneller Landwirtschaft ausgebildet, und auch die Erbfolgeregelungen spiegeln eine vorrangig agragstrukturierte Gesellschaft immer noch wider. In der Praxis bedeutet dies, daß der bäuerliche Nachwuchs in einigen Jahren bis Jahrzehnten Hofstellen erben wird, die nicht mehr bewirtschaftet werden können, da die Nachfrage für landwirtschaftliche Produkte in der zugehörigen Gemarkung bereits vollständig durch andere Hofstellen gedeckt ist. Eine Auflassung der Hofstellen kommt für viele Ureinwohner nicht in Frage: Die Bauten existieren zumeist seit Generationen, in Einzelfällen konnten Erbfolgen von fünfhundert Jahren nachgewiesen werden. Zudem ist es für die Bauern äußerst schwer, ihre Familiengeschichte aufzugeben, die neben der Landwirtschaft einen Großteil des bäuerlichen Weltbildes darstellt. In manchen der entlegerenen Hofstellen stellt dies ein besonders großes Problem dar.


Die traditionellen Gletscherbauernhöfe sind der neuen Weltordnung nicht mehr gewachsen und werden bald ein Bild der Vergangenheit sein.
Kurzfristig werden die Bauern zu Überbrückungslösungen greifen, was bereits jetzt für Spannungen mit der Bruderschaft führt. In Zentralkronos, wo sich die Landwirtschaft bereits jetzt auf einige wenige größere Hofstellen konzentriert hat, sind die betroffenen Bauern kurzerhand auf die Produktion von Birnen umgestiegen, um vom gesteigerten Bedarf zu profitieren und damit eine Existenz auf dem Agrarsektor zu bewahren. Die dadurch entstehenden Monokulturen gefährden jedoch das natürliche Gleichgewicht auf der Insel und damit das Beforstungsprojekt des Kuratoriums für nachhaltige Forstwirtschaft, weswegen bereits Gegenmaßnahmen ergriffen werden mußten. Es ist auch hier zunehmend mit Spannungen zu rechnen.

Atlantis' Buben müssen wieder Zukunfsperspektiven aufgezeigt werden, ist auch Innenminister Apollinaris II überzeugt, der zum Abschluß der Tagung aus Ruathym angereist war: Die unzufriedenen Jungen von heute sind die Aufrührer von morgen! In der Tat zeigen zahlreiche Beispiele in Nord- und Nordwestatlantis, daß auch eine nur mäßige Unzufriedenheit leicht umschlagen und für Spannungen in der bäuerlichen Bevölkerung sorgen kann. Wenngleich die Bruderschaft selbst davon nicht direkt betroffen ist, so könnten solche Spannungen das Klima zwischen bürgerlicher und bäuerlicher Bevölkerung nachhaltig vergiften, was für die ganze Region ein Nachteil darstellen könnte. Dies müssen wir verhindern! – davon ist nicht nur der Minister überzeugt.

Doch die Kuratoren haben sich nicht nur darauf beschränkt, ein düsteres Zukunftsszenario an die Wand zu malen, sondern es wurde auch nach Lösungsvorschlägen gesucht, um das drohende Problem zügig zu lösen, bevor es zu einem solchen wird. Am aussichtsreichsten erscheint der Rekrutierungsvorschlag der Kongregation zur Verbreitung der Erkenntnis. Wenn wir dafür sorgen, daß die Buben bei uns, in der Bruderschaft, eine sinnvolle Beschäftigung finden, haben beide Seiten einen Vorteil, führte Kurator Emmerich sein Projekt vor. Das Projekt selbst ist verblüffend einfach: Wir tun einfach das, was wir bereits jetzt schon tun, aber in einem viel größeren Maßstab.

Konkret sieht das Rekrutierungsprojekt vor, wesentlich mehr Jugendliche zum Dienst in der Bruderschaft zu verpflichten, im Ausgleich für die wirtschaftliche Absicherung der Familien, von denen sie entsandt werden. Durch den zunehmenden Handel ist auch der Bedarf an Arbeitskräften im gesamten bürokratischen Apparat der Bruderschaft sprunghaft angestiegen und kann schon lange nicht mehr adäquat abgedeckt werden. Meine Liste mit offenen Stellen ist ellenlang, aber ich kann einfach keine Brüder mehr von anderen Arbeiten abzweigen, berichtet Bruder Leonhard vom Kuratorium der Infrastrukturen. Die Brüder würden zwar hocheffizient arbeiten, aber ab einem gewissen Punkt seien einfach zu wenige da.

Unmittelbar vor seiner Abreise hat Innenminister Apollinaris II zugesichert, bei seiner Rückkehr nach Kronos unverzöglich höchststelbst dafür zu sorgen, daß die notwendigen Weichen zeitnah gestellt würden und hat bereits Fledermauskuriere an alle Kuratorien entsandt, um den Arbeitskräftebedarf zu ermitteln. Falls das Projekt erfolgreich ist – und davon sind sich alle Beteiligten sicher – steht dem weiteren Aufschwung der Region nichts mehr entgegen.

[8.3 Kuratorium für soziale Unterstützung und Familie]

Gezeichnet zu Sorpigal, im Juni des dritten Jahres

Bruder Alois, 8.3 Kuratorium für soziale Unterstützung und Familie